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Somatic Memory of Historical Violence

Transgenerationale Epigenetik des Traumas – die Shoah, Antisemitismus und Rassismus

Somatic Memory of Historical Violence

Transgenerationale Epigenetik des Traumas – die Shoah, Antisemitismus und Rassismus

Somatic Memory of Historical Violence

Transgenerationale Epigenetik des Traumas – die Shoah, Antisemitismus und Rassismus

ÜBER DAS PROJEKT

Das Forschungsprojekt „Somatic Memory of Historical Violence“ untersucht, wie traumatische Erfahrungen von Antisemitismus, Rassismus und kollektiver Gewalt körperliche Spuren hinterlassen, die über Generationen hinweg weitergegeben werden können, und reflektiert dabei kritisch das Potenzial wie die Risiken epigenetischer und biomedizinischer Erklärungsmodelle. Das Projekt wird von 2023 bis 2029 am Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin durchgeführt [bitte prüfen – Institution und Name der Projektleitung]. Im Folgenden finden Sie die zentralen Topoi, Thesen und Fragestellungen des Forschungsprojekts. Zu aktuellen Meldungen, mehr zum Forschungsteam und einer Sammlung weiterer Materialien und Links zum Thema gelangen Sie über das Menü.

FORSCHUNGSPROJEKT

Körper haben eine Geschichte und ein Gedächtnis. Ihnen bleiben Spuren von Gewalt, Rassismus und Antisemitismus eingeschrieben – selbst dort, wo bewusste Erinnerungen verblassen oder Erfahrungen zum Schweigen gebracht, verdrängt oder unterdrückt wurden. In diesem Sinne kann der Körper als historisches Archiv gelesen werden: als ein lebendiges Reservoir, das von vergangenen Verletzungen und daraus abgeleiteten, gegenwärtigen Formen der Ungerechtigkeit zeugt.

Doch wie erinnert sich der Körper an Erfahrungen extremer Gewalt, die ihn geprägt und historisch geformt haben? Wie lässt sich körperliches Gedächtnis artikulieren, entschlüsseln und interpretieren? Um diese Fragen innerhalb der Antisemitismus- und Rassismusforschung zu adressieren, wendet sich dieses Projekt der medizinischen und neurowissenschaftlichen Traumaforschung zu. Insbesondere Studien zu transgenerationalen und epigenetischen Effekten von Trauma liefern differenzierte Einsichten darüber, wie historische Gewalt in somatische, epigenetische Signaturen übersetzt wird und wie traumatische Ereignisse Mechanismen der Genexpression über Generationen hinweg verändern können.

Das Forschungsprojekt Somatic Memory of Historical Violence. Transgenerational Epigenetics of Trauma, Antisemitism, and Racism (Trans-Somatic) untersucht, wie traumatische Erfahrungen, die in Antisemitismus und Rassismus gründen, körperliche Spuren hinterlassen, die über die Zeit hinweg bestehen bleiben und weitergegeben werden können. Biomedizinische Forschung – etwa Studien zu den langfristigen Folgen des Holocaust, von Genoziden oder alltäglicher rassistischer Diskriminierung – wird dabei aus geschichts- und sozialwissenschaftlicher Perspektive kritisch analysiert. Leitend sind dabei die Fragen: In welchem Maße eröffnen medizinische und neurowissenschaftliche Forschungen neue Perspektiven auf die Gewaltgeschichte des Körpers? Ermöglichen die Bezüge zwischen verschiedenen Opfergruppen, insbesondere in der epigenetischen Traumaforschung, eine Form multidirektionalen somatischen Erinnerns, anstatt Konkurrenzverhältnisse zwischen marginalisierten Gruppen zu verstärken? Und umgekehrt: Inwiefern laufen biomedizinische Ansätze Gefahr, essentialistische oder biologisierende Vorstellungen von Opfergruppen und Rassifizierung zu reproduzieren?

Das Projekt interpretiert die Epigenetik von Trauma als eine Geschichte des Körpers. Es nutzt biomedizinische Studien, um neue Konzepte und methodische Werkzeuge für die Analyse körperlichen Gedächtnisses für die Geistes- und Sozialwissenschaften zu entwickeln. Zugleich untersucht es, wie medizinisches Wissen in gesellschaftliche und politische Debatten über Rassismus und Antisemitismus, den Holocaust, Genozid und koloniale Gewalt eingeht. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Bewertung sowohl des analytischen Potenzials als auch der epistemischen Risiken, die mit der Verwendung genetischen und epigenetischen Wissens in der Erforschung von Rassismus und Antisemitismus verbunden sind.

Aus diesem Erkenntnisinteresse ist das Projekt in vier miteinander verbundene analytische Perspektiven bzw. Untersuchungsstränge gegliedert: 1) eine wissenschaftsgeschichtliche Perspektive, die Übergänge und Kontinuitäten zwischen Eugenik, Genetik und Epigenetik untersucht; 2) eine historische Diskursanalyse der transgenerationalen Traumaforschung zu Antisemitismus im Verhältnis zu anderen Formen von Rassismus; 3) ein medizinanthropologischer Ansatz, der epigenetische Mechanismen als Formen somatischen Gedächtnisses differenziert und interpretiert; sowie 4) eine theoriepolitische und selbstreflexive Auseinandersetzung mit physiologischen Zugängen zu race, Rassismus und Antisemitismus.

Mit einem zeitlichen Fokus von der Zeitgeschichte bis in die Gegenwart stützt sich das Projekt vor allem auf Wissensbestände aus Deutschland, den USA und Israel. Sein interdisziplinärer Rahmen bewegt sich zwischen Wissenschaftsgeschichte und Medizinanthropologie, Medizin und Epigenetik, Holocaust- und Traumaforschung, Antisemitismus- und Rassismusforschung sowie Critical Race Theory. In dieser Konstellation zielt das Projekt darauf, körperliches Gedächtnis nicht als deterministische Einschreibung der Vergangenheit zu verstehen, sondern als ein historisch situiertes und politisch umkämpftes Wissensfeld.

DIMENSIONEN

Das Projekt ist in vier Dimensionen gegliedert, die jeweils eine spezifische disziplinäre Perspektive und eine entsprechende Methodik verfolgen. Es verbindet Ansätze aus der Wissenschaftsgeschichte, Diskursgeschichte, Medizinanthropologie und politischer Theorie, um das somatische Gedächtnis historischer Gewalt zu erschließen.

1) WISSENSCHAFTSGESCHICHTE

Diese Dimension untersucht die historischen Voraussetzungen heutiger epigenetischer Traumaforschung. Im Zentrum stehen Kontinuitäten und Verschiebungen zwischen Eugenik, Genetik und Epigenetik sowie die Frage, in welchen Denkrahmen aktuelle Konzepte von Vererbung, Umwelt und Körper eingebettet sind. Am Beispiel des deutschsprachigen Raums wird analysiert, wie sich wissenschaftliche Modelle von biologischer Differenz und sozialer Ordnung verändert haben – und inwiefern ältere Annahmen in gegenwärtigen Forschungsansätzen fortwirken. So eröffnet die wissenschaftshistorische Perspektive einen kritischen Blick auf die Wissensgeschichte, in der sich Vorstellungen vom Körper als Träger von Geschichte herausgebildet haben.

2) DISKURSGESCHICHTE

Diese Dimension widmet sich der Frage, wie die Forschung zu transgenerationalem Trauma und Epigenetik von unterschiedlichen Betroffenengruppen in diversen Kontexten diskutiert, übertragen und politisch genutzt wird. Sie untersucht, wie Verbindungen zwischen verschiedenen Gewaltgeschichten – etwa Antisemitismus, Rassismus, Genozid oder kolonialer Gewalt – hergestellt werden und welche Rolle wissenschaftliche Deutungen dabei spielen. Im Fokus steht, wie solche Bezüge gesellschaftliche Aushandlungsprozesse über Erinnerung, Anerkennung, Verantwortung und auch Reparationen prägen. Auf diese Weise macht die diskurshistorische Perspektive sichtbar, wie sich Wissen über Trauma und Körper zwischen Wissenschaft, Öffentlichkeit und Politik bewegt und dabei unterschiedlichen Gruppen ermöglicht, in Beziehung zu treten.

3) MEDIZINANTHROPOLOGIE

Diese Dimension versteht die Forschung zu epigenetischen Effekten von Trauma als ein Feld, in dem sich Perspektiven auf biologische Prozesse und soziale Erfahrungen miteinander verschränken. Sie fragt, wie Gewalt auf der Ebene des Körpers wirksam wird und welche Formen von „Gedächtnis“ sich dabei ausbilden können. Dabei wird besonderes Augenmerk auf die Wechselwirkungen zwischen biologischen Mechanismen, sozialen Beziehungen und kulturellen Kontexten gelegt. Ziel ist es, Konzepte und Werkzeuge für die Körpergeschichte zu entwickeln, mit denen sich somatische Erinnerungsprozesse differenziert beschreiben lassen – ohne sie auf rein biologische oder rein soziale Erklärungen zu reduzieren.

4) POLITISCHE THEORIE

Diese Dimension reflektiert die zentralen Begriffe und Annahmen des Projekts aus theoriepolitischer Perspektive. Sie untersucht, wie Kategorien wie Trauma, Opferstatus und Körpergedächtnis historisch entstanden sind und heute soziale wie politische Deutungen strukturieren. Zugleich fragt sie nach den Möglichkeiten und Grenzen, Gewalt und ihre Folgen auch in materiellen und körperlichen Begriffen zu fassen. Im Mittelpunkt steht die Herausforderung, neue Perspektiven auf Körper und Geschichte zu entwickeln, ohne dabei bestehende Formen von Essentialisierung oder Ungleichheit zu reproduzieren. Damit eröffnet diese Dimension einen kritischen Rahmen für die Verbindung von biomedizinischem Wissen und gesellschaftlicher Analyse.